Peter Lindbergh — UNTOLD STORIES

¶  Die Ausstellung hatte schon monatelang einen Vorlauf in den Medien, – nicht nur in denjenigen, die sich um die zeitgenössische Photographie kümmern. Tenor unisono: die Ausstellung muß man gesehen haben!

¶  Vielleicht und gerade deshalb, weil sie gerade wenige Tage vor dem plötzlichen Tod von Peter Lindbergh (2019) von ihm als fertig bezeichnet und freigegeben wurde. So wirkt sie in ihrer Zusammenstellung des Bildmaterials und der Anordnung wie ein persönliches Vermächnis von Peter Lindbergh.

¶  Er selbst hat die Ausstellung zusammengestellt, ausgewählt und arrangiert. Und erstmalig hat er wohl auch  die Qual und Last empfunden, etwas aus seinem Lebenswerk zu präsentieren, was sowohl ihm selbst sehr am Herzen lag und andererseits auch Themen und Ereignisse aufgreift, die sonst nicht so sehr im Focus seiner typischen Lindbergh-Photo-Auswahl stehen. – Ein Thema ist sicherlich das Video, das Peter Lindbergh »Das Testament« genannt hat, – dazu mehr im zweiten Teil.

¶  Die Bilderschau enthält nur wenige der bisher bekannten Photos. – Es ist wirklich eine Werkschau seiner Arbeiten, in der Auswahl und Anordnung. – Man (ich!) war überwältigt; mir fiel sofort der Begriff »wuchtig« ein. – Die Bilder sind beherrschend, unzweideutig und so einnehmend, so daß anderere Photographien demgegenüber blaß und sehr klein wirken … Man geht raus und ist geflasht, sprachlos, irritiert und traurig, weil es diesen Peter nicht mehr gibt.

»Testament« – Ein stummes 30-Minuten Porträt …

¶  Peter Lindbergh hat die Ausstellung bzw. Auswahl der Bilder ja selbst organisiert. Man sieht sehr viele Bilder, die man eben noch nie gesehen hat, schon garnicht in dieser Zusammenstellung. — Das gilt besonders für »Das Testament«. Es sind Bilder von einem 30minütigen, stummen »Shooting« (Videos) eines zum Tode verurteilten Gewaltverbrechers ... wobei fast brachiale Porträts entstanden sind. Nichts für schwache Gemüter. – Dazu zitiere ich aus dem Ausstellungskatalog …

        » Durch einen Einwegspiegel hat der Künstler den 1990 in Florida verurteilten Mörder Elmer Carroll ohne Schnitt gefilmt, zwei Monate vor dessen Hinrichtung im Mai 2013. Ohne mimische Bewegung betrachtet Carroll 30 Minuten lang sein Spiegelbild. Es spielt sich eine stumme Unterhaltung mit der Kamera einerseits und dem Betrachter andererseits ab.
       
Von 2011 bis 2014 hat der Fotograf etwa 300 Gerichtsprozesse über verurteilte Mörder analysiert, wovon die meisten in den USA stattfanden. In diesem Zuge hat er sich intensiv mit der Frage von Schuld auseinandergesetzt und damit, welche sozialen und geselllschaftlichen Faktoren eine tragende Rolle spielen können. TESTAMENT stößt eine Debatte zu Themen an, die zentral für Peter Lindbergh waren: Introspektion, Ausdruck, Empathie und Freiheit. «

Der Ausstellungskatalog …

¶  Noch ein Wort zu dem Ausstellungskatalog. Er ist vollständig und umfangreich, ja. Aber das dünne Papier ist dem Werk und der Ausstellung nicht angemessen. Fast jedes Motiv scheint auf der Gegenseite durch, der Text ist teilweise durch das Gegenbild und den Kontrastverlust schlecht lesbar, vom haptischen Negativ-Erlebnis mal abgesehen. Wer hat denn dieses Papier nur ausgesucht …?

¶  Ich kenne kein anderes Lindbergh-Buch, was derartig »billig« produziert wurde und es würde mich sehr wundern, wenn Peter Lindbergh dafür sein OK gegeben hätte. Nein, es sieht so aus, als wollte man zum Schluß noch ordentlich mit Peter Lindbergh Gewinne einfahren, – notfalls auch auf Kosten der Qualtät eines, – seines letzten Buches. frown

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